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Das Thema Flurbereinigung wurde am Dienstag in Böbingen von allen Seiten beleuchtet. Als es immer später wurde, die Sätze aufs Podium wagemutiger und die Beiträge emotionaler, wurde deutlich, dass es um nichts weniger geht als die künftige Entwicklung Böbingens. Ein Überblick:
Immer wieder fiel am Dienstag Abend in der Versammlung der Grundstückseigentümer das Wort "Familienbesitz" _ Land, das man von den Eltern übernommen habe, um es eines Tages den Kindern anzuvertrauen. Dieses Land soll man nun hergeben, eintauschen, darauf vertrauen, dass nichts Schlechteres nachkommt? Zu Beginn der Versammlung schien es, als hätten die Befürworter einer Flurneuordnung _ in erster Linie Gemeinderäte und Vollerwerbslandwirte _, keine Chance, sich mit ihrer Argumentation durchzusetzen. Doch nach mehr als vierstündiger Diskussion verschoben sich die Lager deutlich. Immer mehr Applaus gab's für die Stellungnahmen der Landwirte. Eines der überzeugenden Argumente kam von Walter Hilbert, der 1958 die Flurbereinigung mit all ihre Vorteilen in Eschach erlebt hatte und nicht glauben konnte, dass sich Böbingen dem noch immer entzieht: "Einige von uns Landwirten zahlen Pacht an über 50 Eigentümer. Wenn die ihren Bewirtschafter am Leben erhalten wollen, müssen sie was dafür tun". Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen gefällt niemand _ doch sie zu ignorieren, bedeutet, so Hilbert, der Landwirtschaft in Böbingen die Zukunft zu nehmen: "Und ohne Landwirte verlieren viele Grundstücke ihren Wert. Von wegen Alterssicherung!"
Kontra: "Wie auf
dem türkischen Basar"
Harte Worte fielen: "Lug und Trug" wurde den Befürwortern der Flurneuordnung unterstellt. Nikolaus Geiger etwa meinte mit dem Blick auf die Igginger Flurneuordnung, der Umgang mit den Grundstückseigentümern erinnere an die DDR: "Böbingen wird durch die Flurneuordnung nicht größer und nicht besser, die Berg- und Tallagen bleiben erhalten". Und die Feldwege seien ausreichend und längst nicht so schlecht, wie behauptet. Die Angst der Böbinger, übervorteilt zu werden, wurde von Geiger wie folgt formuliert: "Ein sehr wichtiger Termin bei einer Flurneuordnung ist der Behörden-Termin _ wo alle Behörden wie Straßenbauamt, Gewässerdirektion, Umwelt- und Naturschutz und Gemeinde wichtige Flächen anmelden und meistens auch zugeteilt bekommen. Da geht es zu wie auf dem türkischen Basar". Böbingen brauche keine Flurneuordnung, so Geiger, dessen Argumente in ähnlicher Form den Abend bestimmten:
"Unsere landwirtschaftlichen Betriebe wurden von unseren Vorfahren gepflegt und erhalten und an unsere Generation weiter vererbt, um sie zu erhalten"
"Die Flurstücke werden bereits zusammen gepachtet und bewirtschaftet, Landtausch gibt's auch ohne teures Verfahren."
"Die Kosten der Flurneuordnung können von unseren Betrieben, die bereits unter dem Limit arbeiten, nicht erwirtschaftet werden"
"Der Flächenverlust ist enorm".
"Eine Flurneuordnung bringt Streit, Neid und Missgunst in die Gemeinde".
Geiger wünschte sich einen Neuanfang mit Bürgermeister Stempfle "und nicht weiterhin Umlegungsverfahren und Enteignung wie beim Vorgänger".
Hans Bühner aus Heubach argumentierte ähnlich: "Gegen die überwiegende Mehrheit der Eigentümer darf nicht entschieden werden". Er führte auch Müll und Hundekot an den zu erwartenden neuen Wegen an, sowie durch die Erholungssuchenden gestörte Lebewesen.
Werner Mayer sprach die Unterschriftenliste an, mit der sich Grundstückseigentümer gegen die Flurneuordnung wandten; er rechnete vor, dass der zu erwartende Landverlust 63 Hektar, 630 000 Quadratmeter, umfasse. Weiteres Thema war die "ungerechte Verteilung der Kosten"; die Grundstücksbesitzer zahlten für alle anderen. Und er griff Bürgermeister Stempfle an _ dieser habe sich mit dem Argument eines "verzerrten Ergebnisses" einer Abstimmung widersetzt und versprochen, die Entscheidung von der Stimmung an diesem Abend abhängig zu machen. Stempfle sei, so Mayer überzeugt, schließlich wegen seines Verständnisses für die skeptischen Grundstücksbesitzer gewählt worden.
Pro: "In die
Zukunft schauen"
Dr. Hans Börner (LEL) ging auf die Agrarpolitik der EU ein, die auf ein Heranführen an den Weltmarkt ausgerichtet sei: "Die Betriebe werden wachsen, und alles hängt davon ab, die Flächen schnell und effizient zu bewirtschaften". Ohne entsprechende Parzellen und ein angemessenes Wegenetz sei dies nicht möglich: "Wir erleben es doch schon jetzt _ niemand will ein Handtuch (kleines Grundstück, Anm.) bewirtschaften." Hans Schabel, Vorsitzender des Bauernverbands, machte deutlich: "Wenn unsere Landwirtschaft bestehen soll, brauchen wir bereinigte Flächen _ glauben Sie mir, es ist eine Freude, auf einer solchen Fläche zu arbeiten". In Metlangen, wo er seinen Betrieb habe, sei die Gemeinde nicht so großzügig gewesen wie in Böbingen angekündigt _ er habe viel mehr pro Hektar bezahlt und es nie bereut.
Bürgermeister Stempfle betonte, der Dorffrieden sei am Allerwichtigsten. Er bat um eine Aktualisierung der mittlerweile zwei Jahre alten Unterschriftenliste _ "nachdem 15, 20 Unterzeichner bereits ihre Unterschrift zurück gezogen haben, bitte ich die Grundstücksbesitzer nun, ihre Unterschrift bei mir im Büro zu bestätigten." Der Bürgermeister erklärte erneut, dass viele Grundstücke aufgrund fehlender Überfahrtsrechte nicht erreichbar bzw. von ihren Besitzern gar nicht erst auffindbar seien. Sehr enttäuscht war Stempfle über die Aussage, nur das Thema Flurbereinigung habe ihm zum Amt verholfen: "Die anderen Kandidaten haben hier doch exakt dasselbe gesagt".
Rainer G. Zoglmeier vom Amt für Flurneuordnung korrigierte einige Zahlen _ der Landverlust werde etwa 6 Prozent betragen, vermutlich weniger _ und Aussagen _ "Enteignungen gibt es nicht, wenn aber die B 29 ohne Flurbereinigung gebaut wird, muss man damit rechnen". Zoglmeier versprach den Grundstücksbesitzern höhere Pacht _ "manchmal doppelt so hoch" _, so dass die Kosten sehr schnell wieder erwirtschaftet werden könnten.
Recht deutlich wurde Landwirt Anton Maier; einige Argumente hätten ihn schockiert: "Wollen wir Landwirtschaft, oder wollen wir sie nicht?" Böbingen brauche wenigstens ein paar Vollerwerbslandwirte. Diese seien nicht darauf aus, sich Spekulationsflächen zu verschaffen, sondern Fluren, auf denen sich arbeiten lasse _ derzeit fänden sich in jeder großen Fläche kleine Teile, die blockiert würden: "Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld." So wie ein Hausbesitzer auf sein Eigentum achten müsse, verpflichte auch Grundbesitz. Doch desolate Drainagen, wuchernde Hecken und zugeschüttete Bachläufe machten deutlich: "Den Leuten ist's egal"; kein Wunder, dass einige Grundstücksbesitzer gar nicht wüssten, wo genau ihre 30 ar zu finden seien.
In seiner Funktion als Gemeinderat ging Maier auf das veränderte Freizeitverhalten der Menschen ein und auf die Vorteile, die die Gemeinde Böbingen von einer Flurbereinigung zu erwarten habe: Böbingen werde attraktiver, die Teilorte endlich angemessen erschlossen _ viele Wege seien noch nicht einmal vermessen.
August Freudenreich meinte, das Ganze sei ausschließlich eine Frage des Vertrauens _ und er bat um dieses Vertrauen. Zoglmeier versicherte dazu, in 25 Jahren Flurbereinigungsverfahren habe er seine Arbeit nur einmal vor Gericht rechtfertigen müssen. Hans Schabel, der in die Rechtssprechung eingebunden ist, meinte, es gebe kaum noch Probleme _ was auch daran liegt, dass die Grundstücksbesitzer selbst Vorstandsmitglieder wählen, die über die Neuverteilung entscheiden.
Johannes Strauß vom Bauernverband hilft den Mitgliedern, in Sachen Flurneuordnung ihre Interessen durchzusetzen: "Es ehrt Sie, dass Sie den Grund und Boden, den Sie von Ihren Vätern geerbt haben, achten". Aber auch Strauß empfahl die Flurbereinigung dringend: "Wir dürfen nicht zurückschauen". Auch Walter Hilbert sprach sich dafür aus, nach vorne zu blicken: "Die Landwirtschaft muss eine Entwicklung durchmachen; wir haben kräftig Federn gelassen, jetzt brauchen wir eine Chance für künftige Landwirtschaft". Wie einige seiner Vorredner relativierte Hilbert den zu erwartenden Flächenverlust: "Jemand der bislang Überschwemmungsgebiet bewirtschaftet und ständig nachsäen muss, wird froh sein, wenn er eine andere Parzelle erhält."
Flurneuordnung:
was sie bringt
Durch das auch im Gmünder Raum geltende Erbrecht wurde der Grundbesitz immer mehr zersplittert, die Nutzung immer weniger wirtschaftlich. Ziel einer Flurbereinigung oder Flurneuordnung war deshalb bereits vor Jahrzehnten die Schaffung größerer Bewirtschaftungseinheiten _ also lange vor dem großen "Bauernsterben". Die Zusammenlegung und zweckmäßige Gestaltung der oft winzigen und überall verstreuten Parzellen nach Lage, Form und Größe soll die Produktionsbedingungen der Landwirtschaft verbessern _ und das ist mittlerweile überlebenswichtig. Außerdem wird angestrebt: Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung der gewachsenen Kulturlandschaft, Biotopentwicklung sowie Infrastrukturprojekte zur Verbesserung der Lebensbedingungen im ländlichen Raum. Grundlage eines Verfahrens ist der Grundstückstausch, der diese Zusammenlegung ermöglicht.
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In Böbingen geht es um 900 bis 960 Hektar; nicht betroffen sind Ortsrandlagen sowie Grundstücke, die in den nächsten Jahrzehnten Bauerwartungsland werden. 2,5 Millionen Euro Zuschüsse wurden in Aussicht gestellt. Die Gemeinde würde enorm profitierten _ etwa beim Ausbau der B 29, für den 7,5 Hektar zuzüglich Ausgleichsflächen benötigt werden, oder beim zu erwartenden guten Wegenetz, das die hohen Unterhaltskosten senkt und die Infrastruktur entscheidend stärkt. Zugute kommt die Flurneuordnung dem gesamten Standort Böbingen _ die meisten Visionen des jüngst beschlossenen Leitbildes sind untrennbar mit diesem Schritt verbunden.
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Den Besitzern wird _ bei allen Kosten _ höhere Pacht in Aussicht gestellt; es gibt ein Recht auf wertgleiches Land, das eingeklagt werden kann. Zum Zeitpunkt des Böbinger Antrags wurde noch eine Förderung mit 79 Prozent garantiert _ damit würde die Flurordnung nur 700 Euro pro Hektar kosten. Weil der Gemeinde dieser Schritt so wichtig ist, will sie 70 Prozent dieser Kosten übernehmen _ übrig bleiben also 230 bis 250 Euro.
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Landwirte versprechen sich enorme Zeiteinsparung, wenn sie nicht mehr viele verschiedene Grundstücke anfahren müssen _ errechnet wurde ein um bis zu 25 Prozent verringertes Arbeitspensum. In einer Zeit, in der viele Betriebe große und sehr teure Maschinen stundenweise mieten, kann es sich zudem kaum jemand leisten, so viel Zeit auf der Straße zu verbringen _ abgesehen von der Tatsache, dass sich viele Lohnunternehmer weigern, auf kleinen Flächen zu arbeiten.
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Flurbereinigung dient der Vernetzung von Biotopen; damit wird der Natur etwas Gutes getan und das Landschaftsbild aufgewertet. Auch in Böbingen gibt's Gewässer von der Rems bis zu kleinen Bächen, die frei mäandern, das heißt sich verändern. Das muss ein Grundstücksbesitzer dulden _ wenn die Gemeinde diese Randflächen aufkauft, sind die Eigentümer entlastet.
Birgit Trinkle, Rems-Zeitung
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